
Der Rostocker Michaelshof feiert in diesem Jahr sein 180-jähriges Bestehen als ein Ort der Hoffnung und Unterstützung für Menschen in Not. Gegründet, um Straßenkindern in der Stadt Rostock zu helfen, hat sich die Einrichtung über die Jahre stark weiterentwickelt. Der theologischen Direktor des Michaelshofes, Ekkehard Maase, äußert jedoch in Anbetracht der gegenwärtigen gesellschaftlichen Entwicklungen Bedenken hinsichtlich der inklusiven Integration von Menschen mit Behinderung in die Gesellschaft. Diese Zweifel werden besonders angesichts der aktuellen Debatten über pränatale Diagnostik laut, die Maase an die schwierigen Diskussionen der 1950er Jahre erinnert, als das Thema „unwertes Leben“ im Raum stand.
Die Wurzeln des Michaelshofes reichen bis in die 1820er Jahre zurück, als viele Menschen aufgrund ländlicher Armut in die Stadt strömten. Rostocker Christen gründeten ein „Rettungshaus für verwahrloste Knaben“, unterstützt von lokalen Bürgermeistern und Universitätsrektoren. Im Verlauf der Jahre wurde die Einrichtung um einen Wohnbereich für sozial benachteiligte Mädchen und später auch für Menschen mit Behinderungen erweitert. Heute leben, lernen und arbeiten im Michaelshof rund 2.400 Menschen.
Vom Rettungshaus zur modernen Einrichtung
Zur Feier des Jubiläums wurde eine neue Chronik veröffentlicht, welche die bewegte Geschichte der Einrichtung dokumentiert. Pastor Maase erinnert an dunkle Kapitel, wie die Missbrauchszepte während des Nationalsozialismus. Hierbei wurden Bewohner für medizinische Experimente missbraucht, eine Gräueltat, die nicht vergessen werden darf. In den 1950er Jahren äußerte Eva Semp, eine Pflegeschwester, Kritik an der vorherrschenden Vorstellung vom „unwerten Leben“ und stellte damit den Wert des menschlichen Lebens grundsätzlich in Frage.
Nach dem Zweiten Weltkrieg richtete sich der Fokus des Michaelshofes verstärkt auf die Betreuung von Kindern und Jugendlichen mit Behinderung, da das DDR-Regime viele andere soziale Bereiche übernahm. In diesem Kontext beschreibt Tim Schwarck, ein ehemaliger Schüler des Michaelshofes, die Einrichtung als „ein zweites Zuhause“, in dem bedeutende soziale Kontakte geknüpft werden konnten.
Aktuelle Herausforderungen und Perspektiven
Die Herausforderungen für Menschen mit Behinderungen bestehen auch weiterhin. In Mecklenburg-Vorpommern gibt es nur wenige Unternehmen, die Menschen mit Behinderungen beschäftigen. Der Michaelshof hat sich jedoch zu einem Ort entwickelt, an dem über 600 Menschen mit Handicap in einer Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM) arbeiten und lernen können. Die Arbeitsfelder umfassen Küche, Wäscherei, Gärtnerei, Tischlerei und weitere Bereiche. Die individuelle Arbeitsplatzgestaltung ermöglicht es den Teilnehmern, gemäß ihren Wünschen und Fähigkeiten zu arbeiten.
Die Tätigkeiten sind so konzipiert, dass sie den Bedürfnissen auch von Menschen mit schwersten Behinderungen gerecht werden. Der Ansatz konzentriert sich nicht nur auf einfache Tätigkeiten, sondern auch auf die Integration in den allgemeinen Arbeitsmarkt. Dies spiegelt den inklusiven Ansatz wider, den der Michaelshof verfolgt und der Teil einer größeren Tradition ist, die im Rahmen der Rettungshausbewegung begann, einer christlichen sozialen Bewegung im 19. Jahrhundert.
Diese umfassende Geschichte des Michaelshofes zeigt, wie weit sich die Einrichtung von ihren bescheidenen Anfängen entfernt hat und gleichzeitig verdeutlicht sie die fortwährenden Herausforderungen, die es zu bewältigen gilt, um inklusive Gesellschaften zu etablieren. Das Erbe des Michaelshofes ist nicht nur in seiner Geschichte verankert, sondern auch in den aktuellen Bemühungen, die Zukunft für alle Menschen, unabhängig von ihren Fähigkeiten, zu verbessern.